Das Wochenende habe ich in dem Dorf Ban Lac ganz in der Nähe von Mai Chau verbracht. Das liegt ungefähr 140 km von Hanoi entfernt, und die Gegend ist ziemlich bergig. Die Fahrt im Bullli dorthin ist für Ungeübte ein kleiner Höllentrip, aber trotzdem bin ich ganz begeistert.
Ein Ausflug aufs Land bedeutet in Vietnam oft: Back to the roots. Ganz frei übersetzt: Zurück in die Steinzeit. Aber gerade im Einfachen liegt hier das Besondere.
Ban Lac ist ein kleines Dorf, vorwiegend aus Stelzenhäusern bestehend mit grandioser Naturkulisse rundherum und ist touristisch jetzt noch nicht so überrannt. Keiner rennt hinter dir her und will dir was verkaufen oder schlägt die Preise hoch. Endlich konnte ich mit eigenen Augen sehen, wo das ganze Obst und Gemüse vom Markt wächst: Pomelos, Zuckerrohr, Bananen, Reis, Avocados, Bambus, Ingwer, diese Stinkefrüchte, Weißkohl, genauso fett wie in der Soester Börde, und, und, und....
Keine Autos, wenig Motorbikes, einige Fahrräder und ganz viele Fußgänger mit Kiepen auf den Rücken.
Die Einwohner haben einfach ihre Arbeit verrichtet, wie sie es schon seit Urzeiten machen. Auf dem Feld arbeiten, Kühe hüten, Zuckerrohr ernten, Kochen, Waren verkaufen, Holz bearbeiten, die vielen Kinder beaufsichtigen, Weben und Sticken. Sehr harte Arbeit und Wochenende scheint dort auch ein Fremdwort, aber alles sehr fröhlich und relaxt. Natürlich hatten sie auch Handarbeiten, vor allem Textilien zu vekaufen, und ich bin mir nicht sicher, ob wirklich alles mit der Hand gemacht wurde, aber die Händlerinnen waren lange nicht so aufdringlich wie in Sa Pa
Die Unterkunft war sehr einfach. (Maichauriversideresort.com) Gegessen wurde im Stelzenhaus des Gastgebers, komplett aus Bambus gebaut, das nur aus einem großen ca. 50qm Raum und einem angrenzenden Hauswirtschaftsraum bestand. Neben einem Wandschrank, na klar mit TV, gab es darin ansonsten nur eine große Feuerstelle und ganz viele Bastteppiche. Tische und Stühle Fehlanzeige, alles wurde auf den Matten serviert. Kein Glas vor den Fenstern und ganz viele Ritzen im Boden und im Bastdach, sonst ginge das ja auch nicht mit der Feuerstelle ohne Abzug im Raum. Mahlzeiten wurden nicht bestellt, sondern einfach nur aufgetischt. Für Asien-Kulinarier die leckersten Gerichte auf zig Tellern, alles frisch aus Eigenanbau. Ich hab mich vorwiegend an Reis und Frühlingsrollen gehalten, trotzdem erkenne ich die Kochkunst hoch an. Für 20 Leute, ohne richtige Küche nur am offenen Feuer was zaubern ist eine Kunst für sich.
Abends trat natürlich die typische Folkloregruppe auf, aber im Gegensatz zu Sa Pa hatte ich den Eindruck, dass diese Tänzer und Sänger es aus Spaß an der Freude machen. Denn sie trafen sich einen Tag später, diesmal ohne Publikum schon wieder zu Tanzen. Bei der Vorführung hat das ganze Haus gefährlich gewackelt. Nach dem „Eimersaufen“, ja es gab wirklich einen Tonkrug mit vielen langen Strohhalmen, aus dem sich Jeder von einem süßen Likör bedienen konnte, haben dann alle Gäste, (überschaubare Zahl von 13) mit den Künstlern zusammen getantzt und zum Schluss noch irgendwas mit Vietnam, Ho Chi Minh gesungen.
Es war ein lustiger Abend. Ganz abrupt um 21:15 war er zu Ende, immerhin befanden wir uns ja im Wohn- und Schlafraum der Familie, die jetzt ihre Schlafmatten ausrollen wollte. Wir konnten uns entweder dazu legen oder aber eigene „Bungalows“ aufsuchen. Das sind einfache offene Basthütten, mit Bambusbetten und superdicken Bettdecken. Das war auch nötig, denn das ganze Wochenende waren es nur um die 12°C und das erste mal hat sich mein Wunsch erfüllt, in Vietnam mal richtig zu frieren. Deshalb war an Duschen mit kaltem Wasser gar nicht zu denken und ich hab gleich in Jeans und Pulli geschlafen. Bis auf die Nase war aber alles recht warm.
Während wir Gäste also ganz schön gebibbert haben, liefen die Einheimischen barfuss, manche auf dem Feld knietief im kalten Wasser arbeitend. Auch die Kinder waren zwar ganz dick einwattiert, aber barfuss.
Morgen stelle ich ein paar Fotos ein, die ich heute erst noch sortieren muss.
In diesem Dorf scheint es keine Uhr, keine Speisekarten, keine Süßigkeiten, keine Klimaanlagen und keine Socken zu geben und trotzdem habe ich noch nie zuvor solch zufriedene, selbstbewusste Vietnamesen gesehen. Das war schon ein Unterschied zu den Städtern hier in Hanoi, die oft etwas laut und hektisch agieren.
Laut war in diesem Dorf eigentlich nur das Geflügel, dass so ab fünf in der Früh mit dem Krähen und Schnattern begann.
Was mich besonders beeindruckt hat: Für das ganze Dorf fiel täglich nicht mehr Abfall an, als für einen durchschnittlichen deutschen Haushalt. Es wurde einfach alles bis auf den letzten Rest verwertet.
Und die Gastgeber rollen wirklich jeden Abend ihre Matten in diesem Stelzenhaus aus, nicht nur wenn die Touristen kommen.
Wie lange noch?